52 weiße und 36 schwarze – 88 Tasten liegen also vor dir: Ein großes Tier, das seine Zähne bleckt. Während die meisten so glatt sind, dass man geradezu abrutscht, wenn man die Finger auf ihre Kuppen stellt, sind es oftmals eher die wie Waisenkinder behandelten schwarzen Tasten, die sich mehr nach Holz und aus irgendeinem Grund angenehmer anfühlen. Vielleicht liegt es daran, dass sie weniger schrill und eher für die traurigen Zwischentöne verantwortlich sind.
Doch egal, welche Kombination aus schwarz und weiß wir wählen – der Beginn eines Stückes ist der Befreiungsschlag eines jeden Pianisten: Wenn der Hammer die Saite berührt ist es als würden alle Gefühle, die wir in diesem Moment in uns tragen, durch den Arm bis in den Finger strömen und schließlich in jenem Ton liegen, der erklingt. Wer genau zuhört, erkennt dort kleine Schreie, große Verletzungen, ungestüme Wut, zitternde Angst, naive Fröhlichkeit oder unbändige Liebe. Wie durch ein Ventil tritt unser Innerstes nach außen, wird frei gelegt und hörbar.
Wer mit der nötigen Leidenschaft spielt, spielt sich frei, spielt alles raus. Ja, vielleicht schmerzen die Sehnen vor Anstrengung, drohen die Saiten sogar zu reißen, doch wenn der letzte Ton versiegt, kehrt mit der Stille auch die Erschöpfung und Leere in den Spielenden ein. Der Sturm ist vorbei: Was gesagt werden musste, wurde in der dafür erforderlichen Klangfarbe gesagt.
Musik konsumieren ist eine Sache, Musik wirklich hören noch einmal eine andere. Aber Musik machen – das steht auf einem ganz anderen Blatt.


