“Nennen Sie die vier bekanntesten Distanzzonen des Menschens und ordnen Sie Ihnen die für unsere Kultur geltenden Zentimeterangaben zu!”, lautete eine der Prüfungsfragen meiner Lieblingsprofessorin im zweiten Semester. Die Antwort kennen inzwischen nicht nur Schüler, die das Glück haben Sozialkunde, oder Psychologie als Unterrichtsfach belegen zu können: Öffentliche Distanz (über 360 cm), Soziale Distanz (120 bis 360 cm), Persönliche Distanz (45 bis 120 cm) und schließlich die Intimdistanz, welche darunter liegt. Gemeint ist damit also der Abstand zweier Körper, den wir – abhängig vom Verhältnis, in dem wir zu unserem Gegenüber stehen – als angenehm empfinden. Dieser variiert natürlich von Kultur zu Kultur, aber auch von Mensch zu Mensch. Die meisten von uns wissen jedoch “einfach aus dem Bauch heraus”, wie viel Nähe sich noch gut anfühlt.
Andere leider nicht: Diese zwanghaften Küsschengeber zur Begrüßung – und weils so schön war auch noch einmal zum Abschied. Der Mann, der sich an der Schlange im Supermarkt so extrem deinem Rücken nähert, dass du denkst er möchte dir gleich in den Nacken beißen. Die Frau, die dir in einem eigentlich leeren Aufzug so unglaublich nahe kommt, dass du am liebsten noch einen Schritt zurück gehen würdest, wäre da nicht schon eine Wand im Weg. Und die Horde Jugendlicher, die sich auf der Rolltreppe ganz eng an dir vorbeischiebt, sodass die erste Bewegung reflexartig dem Schutz deines Tasche gilt. Abgesehen von diesen fremden Menschen gibt es dann noch diese typischen “Bekannten”, die uns ständig während des Gesprächs auf die Schulter klopfen, das Bein berühren oder unseren Arm streifen müssen. All diese Situationen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – zeichnen sich dadurch aus, dass uns ein unangenehmes Gefühl ereilt, denn jemand bricht in unsere intime Zone ein, ohne dass er dort erwünscht ist.
Hat sich ein Mensch jedoch erst einmal durch Gespräche, Zuneigung, Freundschaft, Vertrauen oder gar Liebe den “Zutritt” in unsere letzte Distanzzone verschafft, fühlt es sich alles andere als unangenehm an: Diese Nähe wird wichtig, sie dient uns als Ausdrucksmittel der Verbindung und (un-)bewusst suchen wir sie von da an immer und immer wieder.
Denn eine Umarmung, das Anlehnen an einer Schulter oder das Ineinanderlegen zweier Hände sprechen oft genau dann, wenn Worte nicht mehr ausreichen.


