Mein Haus am See.

Früher Sonntagabend. Ein Stimmengewirr aus Deutsch, Englisch, Japanisch und Spanisch. An den Wänden bewegte Bilder und in schummriges Rot getauchte Projektionen in warmer Atmosphäre.

Neben mir ein gerade im Entstehen begriffenes Paar: Er erinnert mich ein wenig an den typischen Klassenclown, sie an eine der Schulschönheiten von früher. Wenn beide weniger laut reden würden, wären sie mir wahrscheinlich sympathischer. Gegenüber legt ein Mann mit breitem Lächeln den Kopf auf den Schoß seiner Freundin, die ihm mit Engelsgeduld und großem Talent zur Imitation aus den Geschichten von Pumuckl und Meister Eder vorliest. Von der Tribüne aus, die im hinteren Teil des 24 Stunden am Tag geöffneten Raumes fest installiert ist, kann man wunderbar das Treiben der überraschenderweise fast ausnahmslos unglaublich schönen Menschen beobachten – definitiv der perfekte Ort um genau das ausgiebig zu tun.

Seit heute Nachmittag sitze ich hier auf einem dieser bequemen Kissen; lesend, surfend, recherchierend. Vorgestern war ich das letzte Mal hier – zusammen mit der besten Freundin –heute ist es der Zufluchtsort aus dem 12qm kleinen WG-Zimmer, welches an Arbeitstagen völlig ausreichend, an Wochenenden allerdings viel zu klein scheint. Der Gedanke, dass dieses Cafè womöglich mein Stammlokal werden könnte, ist ein weiterer Schritt hin zu diesem „an einem anderen Ort angekommen sein“. Ein Gefühl, welches sich in den letzten Tagen immer öfter einschleicht.

Es wäre gelogen zu behaupten, dass ich mich nicht ein wenig angepasst hätte: Allein die Lippen sind öfter in tieferes Rot getaucht, die Haare länger und kaum noch braun, die Wimpern immer regelmäßiger in Schwarz gehüllt, die Kleidung ist dem Arbeitgeber entsprechend formeller. Der Rest von mir lernt jede Woche mehr wie man es wieder schön findet allein zu sein und erkennt, dass ein spannender Job dabei sehr hilfreich sein kann. Diese Veränderung gefällt mir und ich bin neugierig, ob sie weitere Kreise zieht, auch von Außenstehenden zu beobachten ist.

Vier Monate bin ich jetzt hier. In 5 Wochen wäre es fast schon wieder vorbei gewesen, bevor mich jemals jemand besucht hätte. Doch das Spiel zwischen Berlin und mir geht in eine weitere Verlängerung, von der noch keiner genau weiß, wie lange sie andauern wird.

An Abenden wie diesen – mit Chai Latte und Menschenkino in einem tollen Cafè – scheint es so, als könnte ich dabei nur gewinnen.

Auszeit.

„Ich habe noch nie sagen können, was ich sagen wollte. Zwar habe ich fast immer sagen können, was ich wollte, aber das hat nie ausdrücken können, was ich sagen wollte. Ich umkreise es, ich reiße es an, ich schramme knapp daran vorbei. Sprache ist das Scheitern, das man formuliern kann. Das ist doch immerhin auch schon etwas, könnte man sagen, und das ist eben auch alles, was man sagen kann…. Sprache ist ein Scheitern, das der Rede wert ist.“

So heißt es in einem meiner Lieblingstexte eines deutschen Wortgenies, das fälschlicherweise immer wieder in die Schublade Schlagerstar gesteckt und damit eindeutig unterschätzt wird. Seine Zeilen schlichen sich in den letzten drei Monaten immer wieder in meine Gedankengänge ein:

Ja, so machtvoll Worte auch manchmal sein können – unglaublich schön berührend, erbarmungslos verletzend, messerscharf beschreibend – es gibt Situation, in denen sie nur einen Hauch von dem wiedergeben können, was wir wirklich fühlen. Die Rede ist von Situationen, die uns völlig ergreifen und mitnehmen, weil so viel Gefühl darin liegt. Vielleicht schaffen wir es in solchen Momenten mit der richtigen Aneinanderreihung von Buchstaben eine Idee der Wirklichkeit entstehen zu lassen, doch dieses Abbild ist blasser als die von uns empfundene Realität und die Konturen bleiben unscharf.

Wie hilflos steht man plötzlich da, wenn einem buchstäblich die Worte fehlen um sich auszudrücken? Dann doch lieber einfach mal die Klappe halten. „Ich verstehe dich!“, wird so zu einer Floskel, die wir als gut gemeinte Hilfestellung unseres Gegenübers akzeptieren, aber unter Notlüge verbuchen.

Erst mit der Zeit gelingt es nach und nach das Geschehene in Worte zu fassen: Vielleicht notieren wir uns erst nur einige Wortgruppen oder einzelne Sätze. Vielleicht suchen wir ab und an noch das passende Synonym, aber irgendwann gelingt uns eine „Geschichte“ zu formulieren, die wir aufschreiben oder erzählen können. Sie ist immer noch nicht perfekt, aber mit dem nötigen Abstand zu ihrem Ursprung reicht sie aus, um die Erlebnisse gebührend zu beschreiben. Deshalb spricht man wohl so häufig von dem befreienden Gefühl des Autors, der nach einer Phase der Verarbeitung endlich die richtigen Worte findet, um auszuschreiben, was ihn lange beschäftigt hat.

So entstehen Bücher – und manchmal eben auch endlich wieder ein paar Blogeinträge nach einer langen Pause.

Abschied.

Eigentlich hätten die letzten 8 Monate, die ich hier verbringen durfte, einen ellenlangen Blogeintrag erfordert. Eigentlich hätten inbesondere meine Mitbewohner einen ausführlichen Abschiedseintrag verdient. Eigentlich gibt es an so einem Abend – wo man noch nicht ganz weg, aber auch noch nicht ganz da ist – viel, was man sagen könnte.

Aber gerade genieße ich nur die letzte Nacht in diesem leeren Raum, die Stille an dem Ort, der in diesem Jahr mein zu Hause war und bin zu müde, um große Reden zu schwingen. Vielleicht kommt das noch, wenn wieder Ruhe und Ordnung eingekehrt ist.

Nur so viel für jetzt: Danke! Ich hatte hier eine wirklich schöne Zeit und das liegt vor allen Dingen an den Menschen, mit denen ich sie teilen durfte.

Let the good times…

Gedankenblase.de wieder rauskramen und unter diesem Namen weiterbloggen? Warum etwas wieder aufleben lassen, was vor einigen Jahren aufgegeben wurde? Das sind vielleicht die ersten Fragen, die man sich stellt, wenn man noch weiß, dass es dieses Gemeinschaftsblogprojekt schon einmal gegeben hat.

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau: Vielleicht war es einfach meine Art Martin zu überreden auch mal wieder über private Dinge zu schreiben. Vielleicht wollte ich auch nur dieses T-Shirt mal wieder tragen, welches mir die ehemaligen Autoren vor vier Jahren zum Geburtstag geschenkt haben. Vielleicht, weil ein Gemeinschaftsblog eben doch mehr Spaß macht als wenn man sich alleine in seinen Gedanken suhlt. Vielleicht, weil wir gerade zusammen wohnen. Vielleicht, weil wir es eventuell bald nicht mehr tun.

Sicher ist jedoch, dass wir nicht mehr ganz auf die alte Konstellation kommen: 2 Autoren sind geblieben, 2 gegangen und eventuell kommen dafür neue Gesichter, denn dieses Projekt hat schon früher von seinen ganz unterschiedlichen Schreiberlingen gelebt. Etwas, das nicht nur uns, sondern hoffentlich auch dem Leser Spaß macht.

Kehren wir nun also zurück in das Wohnzimmer der Gedanken, setzen uns auf das Sofa und leben uns wieder neu ein!

Wir sind wieder da!

Ich selbst wäre wohl der letzte gewesen der das gedacht hätte, immerhin war ich es, der Ende 2007 / Anfang 2008 das Projekt: Gedankenblase begraben hat.  Aber da ich wieder vermehrt meine Gedanken veröffentlichen möchte und ich mich von Farbwolke.de und meinem Portfolio ein wenig abgrenzen möchte, wurde die Gedankenblase wieder reanimiert. Natürlich mit einer alten Bekannten: Sophie. Es hat sich viel verändert. Also wer noch Lust auf Gedankengänge / Gefühlsduselei und Musik hat, abonniert unseren Feed.