Nächtliche Choreographie.

Das schlimmste am Nicht-Einschlafen-Können in der Nacht sind die Bilder, die – obwohl sie nur Erinnerungen – so scharf gezeichnet sind, dass man sie für Halluzinationen halten könnte. Bilder von einem kleinen uns. Einem nie offiziellen, nie ausgesprochenem, nie versprochenem und doch manchmal gelebten uns. Heimlich still und leise hatte es sich eingenistet, wo es nicht von allen gewünscht war.

Wie du den Arm um mich legst, ich deinen Atem in der Versenkung zwischen Hals Von Martin Steinund Schulter spüre und du mir die Haare zur Seite streichst, damit sie dich nicht an der Nase kitzeln. Vier angewinkelte Beine, die gleich einer vorgegebenen Choreographie aneinander liegen: Fast identisch, wären nicht zwei ein ganzes Stück länger als die anderen. Eine kleine Hand vergräbt sich in der größeren, welche viel rauer und vernarbter ist – die Metapher von der Löwenpranke passte nie besser – während sich die jeweils andere Halt am Arm des Nachbarn sucht. In der Nacht, wenn sich alles völlig gleichmäßig und ruhig bewegt, wird diese Verbindung einvernehmlich aufgelöst, um etwas kühle Luft zwischen unsere warmen Körper zu lassen. Doch mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie nur wenige Stunden zuvor wird die Ausgangsposition im Moment des Erwachens wieder eingenommen. Als wären wir ein Standbild, welches nur kurz durch Werbung unterbrochen wurde.

Trotz widriger Umstände und dem Quietschen zweier Luftmatratzen in einem nahezu leeren Raum suchten wir einander genau so bereits in der ersten gemeinsamen Nacht. Es sollte zu einem Ritual werden, welches wir anfangs in fremden Hotelbetten, später erst in meiner, dann in deiner Wohnung vollzogen. Und schließlich war es auch der letzte gemeinsam gespielte Akt, als sich das kleine uns schon längst auf der Flucht befand und der bittere Beigeschmack des Endes den Kaffee an der Bar für mich ungenießbar machte: Wieder ein Hotelbett, wieder in der Fremde und du warst es, der ein „Komm, lass dich noch einmal festhalten.“ aussprach, bevor er ging – als hättest du geahnt, wie sehr mir genau das jetzt fehlen würde.

Es ist inzwischen schon einige Monate her, dass wir so da lagen, aber manchmal schafft es die Einbildung, dass man glaubt den Atem zu hören, die Wärme zu fühlen, den Geruch des anderen in der Nase zu haben  und sogar sein Gewicht zu spüren.

Einen kurzen Moment lang fühlt es sich real an – bis man beim Erwachen aus diesem kurzen Traum erschrickt: Das Bett ist schon lange leer.

Widmung: Ich habe nicht mehr viel, was ich dir schenken könnte, außer meine in Worte gefasste Erinnerungen. Vielleicht ist genau das aber auch das größte Geschenk, was ich dir noch hätte machen können. Alles Gute zum Geburtstag…..

Ein Dank dafür auch an Martin Stein für ein fantastisches, alles sagende Foto.

Proxemik.

“Nennen Sie die vier bekanntesten Distanzzonen des Menschens und ordnen Sie Ihnen die für unsere Kultur geltenden Zentimeterangaben zu!”, lautete eine der Prüfungsfragen meiner Lieblingsprofessorin im zweiten Semester. Die Antwort kennen inzwischen nicht nur Schüler, die das Glück haben Sozialkunde, oder Psychologie als Unterrichtsfach belegen zu können: Öffentliche Distanz (über 360 cm), Soziale Distanz (120 bis 360 cm), Persönliche Distanz (45 bis 120 cm) und schließlich die Intimdistanz, welche darunter liegt. Gemeint ist damit also der Abstand zweier Körper, den wir – abhängig vom Verhältnis, in dem wir zu unserem Gegenüber stehen – als angenehm empfinden. Dieser variiert natürlich von Kultur zu Kultur, aber auch von Mensch zu Mensch. Die meisten von uns wissen jedoch “einfach aus dem Bauch heraus”, wie viel Nähe sich noch gut anfühlt.

Andere leider nicht: Diese zwanghaften Küsschengeber zur Begrüßung – und weils so schön war auch noch einmal zum Abschied. Der Mann, der sich an der Schlange im Supermarkt so extrem deinem Rücken nähert, dass du denkst er möchte dir gleich in den Nacken beißen. Die Frau, die dir in einem eigentlich leeren Aufzug so unglaublich nahe kommt, dass du am liebsten noch einen Schritt zurück gehen würdest, wäre da nicht schon eine Wand im Weg. Und die Horde Jugendlicher, die sich auf der Rolltreppe ganz eng an dir vorbeischiebt, sodass die erste Bewegung reflexartig dem Schutz deines Tasche gilt. Abgesehen von diesen fremden Menschen gibt es dann noch diese typischen “Bekannten”, die uns ständig während des Gesprächs auf die Schulter klopfen, das Bein berühren oder unseren Arm streifen müssen. All diese Situationen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – zeichnen sich dadurch aus, dass uns ein unangenehmes Gefühl ereilt, denn jemand bricht in unsere intime Zone ein, ohne dass er dort erwünscht ist.

Hat sich ein Mensch jedoch erst einmal durch Gespräche, Zuneigung, Freundschaft, Vertrauen oder gar Liebe den “Zutritt” in unsere letzte Distanzzone verschafft, fühlt es sich alles andere als unangenehm an: Diese Nähe wird wichtig, sie dient uns als Ausdrucksmittel der Verbindung und (un-)bewusst suchen wir sie von da an immer und immer wieder.

Denn eine Umarmung, das Anlehnen an einer Schulter oder das Ineinanderlegen zweier Hände sprechen oft genau dann, wenn Worte nicht mehr ausreichen.