Aus einem Buch…

“Lass es mich klarstellen:

  1. Was du mir bedeutest, bedeutet mir mindestens so viel wie das, was ich dir bedeute.
  2. Gerade weil du mir so viel bedeutest, bedeutet es mir viel, dass auch ich dir möglichst viel bedeute.
  3. Hättest du mir nicht so viel bedeutet, wäre es mir egal gewesen, wie viel ich dir bedeute.
  4. Da es mir aber keineswegs egal ist, bedeutet dies, dass du mir so viel bedeutest, dass es mir nicht egal sein kann, wie viel ich dir bedeute.
  5. Wüsstest du, wie viel du mir bedeutest, dann könntest du verstehen, warum ich meine Bedeutung für dich nicht verlieren will.
  6. Fazit eins: Du wusstest offenbar nicht, wie viel du mir bedeutest.
  7. Fazit zwei: Vielleicht weißt du es jetzt.
  8. Ich bin müde. Gute Nacht.”

Mein Haus am See.

Früher Sonntagabend. Ein Stimmengewirr aus Deutsch, Englisch, Japanisch und Spanisch. An den Wänden bewegte Bilder und in schummriges Rot getauchte Projektionen in warmer Atmosphäre.

Neben mir ein gerade im Entstehen begriffenes Paar: Er erinnert mich ein wenig an den typischen Klassenclown, sie an eine der Schulschönheiten von früher. Wenn beide weniger laut reden würden, wären sie mir wahrscheinlich sympathischer. Gegenüber legt ein Mann mit breitem Lächeln den Kopf auf den Schoß seiner Freundin, die ihm mit Engelsgeduld und großem Talent zur Imitation aus den Geschichten von Pumuckl und Meister Eder vorliest. Von der Tribüne aus, die im hinteren Teil des 24 Stunden am Tag geöffneten Raumes fest installiert ist, kann man wunderbar das Treiben der überraschenderweise fast ausnahmslos unglaublich schönen Menschen beobachten – definitiv der perfekte Ort um genau das ausgiebig zu tun.

Seit heute Nachmittag sitze ich hier auf einem dieser bequemen Kissen; lesend, surfend, recherchierend. Vorgestern war ich das letzte Mal hier – zusammen mit der besten Freundin –heute ist es der Zufluchtsort aus dem 12qm kleinen WG-Zimmer, welches an Arbeitstagen völlig ausreichend, an Wochenenden allerdings viel zu klein scheint. Der Gedanke, dass dieses Cafè womöglich mein Stammlokal werden könnte, ist ein weiterer Schritt hin zu diesem „an einem anderen Ort angekommen sein“. Ein Gefühl, welches sich in den letzten Tagen immer öfter einschleicht.

Es wäre gelogen zu behaupten, dass ich mich nicht ein wenig angepasst hätte: Allein die Lippen sind öfter in tieferes Rot getaucht, die Haare länger und kaum noch braun, die Wimpern immer regelmäßiger in Schwarz gehüllt, die Kleidung ist dem Arbeitgeber entsprechend formeller. Der Rest von mir lernt jede Woche mehr wie man es wieder schön findet allein zu sein und erkennt, dass ein spannender Job dabei sehr hilfreich sein kann. Diese Veränderung gefällt mir und ich bin neugierig, ob sie weitere Kreise zieht, auch von Außenstehenden zu beobachten ist.

Vier Monate bin ich jetzt hier. In 5 Wochen wäre es fast schon wieder vorbei gewesen, bevor mich jemals jemand besucht hätte. Doch das Spiel zwischen Berlin und mir geht in eine weitere Verlängerung, von der noch keiner genau weiß, wie lange sie andauern wird.

An Abenden wie diesen – mit Chai Latte und Menschenkino in einem tollen Cafè – scheint es so, als könnte ich dabei nur gewinnen.

Nächtliche Choreographie.

Das schlimmste am Nicht-Einschlafen-Können in der Nacht sind die Bilder, die – obwohl sie nur Erinnerungen – so scharf gezeichnet sind, dass man sie für Halluzinationen halten könnte. Bilder von einem kleinen uns. Einem nie offiziellen, nie ausgesprochenem, nie versprochenem und doch manchmal gelebten uns. Heimlich still und leise hatte es sich eingenistet, wo es nicht von allen gewünscht war.

Wie du den Arm um mich legst, ich deinen Atem in der Versenkung zwischen Hals Von Martin Steinund Schulter spüre und du mir die Haare zur Seite streichst, damit sie dich nicht an der Nase kitzeln. Vier angewinkelte Beine, die gleich einer vorgegebenen Choreographie aneinander liegen: Fast identisch, wären nicht zwei ein ganzes Stück länger als die anderen. Eine kleine Hand vergräbt sich in der größeren, welche viel rauer und vernarbter ist – die Metapher von der Löwenpranke passte nie besser – während sich die jeweils andere Halt am Arm des Nachbarn sucht. In der Nacht, wenn sich alles völlig gleichmäßig und ruhig bewegt, wird diese Verbindung einvernehmlich aufgelöst, um etwas kühle Luft zwischen unsere warmen Körper zu lassen. Doch mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie nur wenige Stunden zuvor wird die Ausgangsposition im Moment des Erwachens wieder eingenommen. Als wären wir ein Standbild, welches nur kurz durch Werbung unterbrochen wurde.

Trotz widriger Umstände und dem Quietschen zweier Luftmatratzen in einem nahezu leeren Raum suchten wir einander genau so bereits in der ersten gemeinsamen Nacht. Es sollte zu einem Ritual werden, welches wir anfangs in fremden Hotelbetten, später erst in meiner, dann in deiner Wohnung vollzogen. Und schließlich war es auch der letzte gemeinsam gespielte Akt, als sich das kleine uns schon längst auf der Flucht befand und der bittere Beigeschmack des Endes den Kaffee an der Bar für mich ungenießbar machte: Wieder ein Hotelbett, wieder in der Fremde und du warst es, der ein „Komm, lass dich noch einmal festhalten.“ aussprach, bevor er ging – als hättest du geahnt, wie sehr mir genau das jetzt fehlen würde.

Es ist inzwischen schon einige Monate her, dass wir so da lagen, aber manchmal schafft es die Einbildung, dass man glaubt den Atem zu hören, die Wärme zu fühlen, den Geruch des anderen in der Nase zu haben  und sogar sein Gewicht zu spüren.

Einen kurzen Moment lang fühlt es sich real an – bis man beim Erwachen aus diesem kurzen Traum erschrickt: Das Bett ist schon lange leer.

Widmung: Ich habe nicht mehr viel, was ich dir schenken könnte, außer meine in Worte gefasste Erinnerungen. Vielleicht ist genau das aber auch das größte Geschenk, was ich dir noch hätte machen können. Alles Gute zum Geburtstag…..

Ein Dank dafür auch an Martin Stein für ein fantastisches, alles sagende Foto.

Auszeit.

„Ich habe noch nie sagen können, was ich sagen wollte. Zwar habe ich fast immer sagen können, was ich wollte, aber das hat nie ausdrücken können, was ich sagen wollte. Ich umkreise es, ich reiße es an, ich schramme knapp daran vorbei. Sprache ist das Scheitern, das man formuliern kann. Das ist doch immerhin auch schon etwas, könnte man sagen, und das ist eben auch alles, was man sagen kann…. Sprache ist ein Scheitern, das der Rede wert ist.“

So heißt es in einem meiner Lieblingstexte eines deutschen Wortgenies, das fälschlicherweise immer wieder in die Schublade Schlagerstar gesteckt und damit eindeutig unterschätzt wird. Seine Zeilen schlichen sich in den letzten drei Monaten immer wieder in meine Gedankengänge ein:

Ja, so machtvoll Worte auch manchmal sein können – unglaublich schön berührend, erbarmungslos verletzend, messerscharf beschreibend – es gibt Situation, in denen sie nur einen Hauch von dem wiedergeben können, was wir wirklich fühlen. Die Rede ist von Situationen, die uns völlig ergreifen und mitnehmen, weil so viel Gefühl darin liegt. Vielleicht schaffen wir es in solchen Momenten mit der richtigen Aneinanderreihung von Buchstaben eine Idee der Wirklichkeit entstehen zu lassen, doch dieses Abbild ist blasser als die von uns empfundene Realität und die Konturen bleiben unscharf.

Wie hilflos steht man plötzlich da, wenn einem buchstäblich die Worte fehlen um sich auszudrücken? Dann doch lieber einfach mal die Klappe halten. „Ich verstehe dich!“, wird so zu einer Floskel, die wir als gut gemeinte Hilfestellung unseres Gegenübers akzeptieren, aber unter Notlüge verbuchen.

Erst mit der Zeit gelingt es nach und nach das Geschehene in Worte zu fassen: Vielleicht notieren wir uns erst nur einige Wortgruppen oder einzelne Sätze. Vielleicht suchen wir ab und an noch das passende Synonym, aber irgendwann gelingt uns eine „Geschichte“ zu formulieren, die wir aufschreiben oder erzählen können. Sie ist immer noch nicht perfekt, aber mit dem nötigen Abstand zu ihrem Ursprung reicht sie aus, um die Erlebnisse gebührend zu beschreiben. Deshalb spricht man wohl so häufig von dem befreienden Gefühl des Autors, der nach einer Phase der Verarbeitung endlich die richtigen Worte findet, um auszuschreiben, was ihn lange beschäftigt hat.

So entstehen Bücher – und manchmal eben auch endlich wieder ein paar Blogeinträge nach einer langen Pause.

Abschied.

Eigentlich hätten die letzten 8 Monate, die ich hier verbringen durfte, einen ellenlangen Blogeintrag erfordert. Eigentlich hätten inbesondere meine Mitbewohner einen ausführlichen Abschiedseintrag verdient. Eigentlich gibt es an so einem Abend – wo man noch nicht ganz weg, aber auch noch nicht ganz da ist – viel, was man sagen könnte.

Aber gerade genieße ich nur die letzte Nacht in diesem leeren Raum, die Stille an dem Ort, der in diesem Jahr mein zu Hause war und bin zu müde, um große Reden zu schwingen. Vielleicht kommt das noch, wenn wieder Ruhe und Ordnung eingekehrt ist.

Nur so viel für jetzt: Danke! Ich hatte hier eine wirklich schöne Zeit und das liegt vor allen Dingen an den Menschen, mit denen ich sie teilen durfte.

Kleine Momente KW#40

Heute keine Punkte, stattdessen:

What i am to you is not real
What i am to you you do not need
What i am to you is not what you mean to me
You give me miles and miles of mountains
and i’ll ask for the sea

Keystroke.

52 weiße und 36 schwarze – 88 Tasten liegen also vor dir: Ein großes Tier, das seine Zähne bleckt. Während die meisten so glatt sind, dass man geradezu abrutscht, wenn man die Finger auf ihre Kuppen stellt, sind es oftmals eher die wie Waisenkinder behandelten schwarzen Tasten, die sich mehr nach Holz und aus irgendeinem Grund angenehmer anfühlen. Vielleicht liegt es daran, dass sie weniger schrill und eher für die traurigen Zwischentöne verantwortlich sind.

Doch egal, welche Kombination aus schwarz und weiß wir wählen – der Beginn eines Stückes ist der Befreiungsschlag eines jeden Pianisten: Wenn der Hammer die Saite berührt ist es als würden alle Gefühle, die wir in diesem Moment in uns tragen, durch den Arm bis in den Finger strömen und schließlich in jenem Ton liegen, der erklingt. Wer genau zuhört, erkennt dort kleine Schreie, große Verletzungen, ungestüme Wut, zitternde Angst, naive Fröhlichkeit oder unbändige Liebe. Wie durch ein Ventil tritt unser Innerstes nach außen, wird frei gelegt und hörbar.

Wer mit der nötigen Leidenschaft spielt, spielt sich frei, spielt alles raus. Ja, vielleicht schmerzen die Sehnen vor Anstrengung, drohen die Saiten sogar zu reißen, doch wenn der letzte Ton versiegt, kehrt mit der Stille auch die Erschöpfung und Leere in den Spielenden ein. Der Sturm ist vorbei: Was gesagt werden musste, wurde in der dafür erforderlichen Klangfarbe gesagt.

Musik konsumieren ist eine Sache, Musik wirklich hören noch einmal eine andere. Aber Musik machen – das steht auf einem ganz anderen Blatt.

Kleine Momente KW#39

  • Menschenkino im Kaffeehaus
  • WG-Leben
  • Lesefieber
  • spontane Jazznacht mit Bigband und Till Brönner in der Oper
  • Lieblingsjahreszeit:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rilke)

You can’t start a fire…

I get up in the evening
and I ain’t got nothing to say
I come home in the morning
I go to bed feeling the same way
I ain’t nothing but tired
Man I’m just tired and bored with myself
Hey there baby, I could use just a little help

(…)

Stay on the streets of this town
and they’ll be carving you up alright
They say you gotta stay hungry
hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ’round here trying to write this book
I need a love reaction
come on now baby gimme just one look

You can’t start a fire sitting ’round crying over a broken heart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark
You can’t start a fire worrying about your little world falling apart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark
Even if we’re just dancing in the dark
Even if we’re just dancing in the dark

Kleine Momente KW#38

  • Kino im Alleingang
  • blumige Überraschungen am Morgen
  • mit Cat Power im Auto die Landschaften vorbeiziehen sehen
  • Wiedersehen am Bahngleis
  • Geburtstagsanrufe, -nachrichten, -gesten, -geschenke, -gäste
  • Mittagessen im Warmen – außen wie innen
  • Wipsy-Revival-Treffen
  • Feiern mit Freunden
  • Herbstgefühle
  • Augen-Blicke
  • Anfänge der Idee einer Möglichkeit